Reise durch Mordor

Der Wecker klingelte. Es war 5 Uhr. Die Nacht war viel zu kurz. Nur langsam kroch ich aus meinem Bett im Campervan. Der Anblick der über den Bergen am Horizont aufgehenden Sonne half mir wach zu werden. Denn es wartete ein tolles Abenteuer auf mich – das Tongariro Alpine Crossing. Dies ist eine der schönsten und beliebtesten Tageswanderungen in Neuseeland. Die Route führt durch die karge Vulkanlandschaft des Nationalparks und diente als Kulisse für die „Herr der Ringe“ Trilogie, wo Frodo und Sam den einen Ring durch Mordor zum Schicksalsberg bringen.

Nachdem ich meinen Rucksack mit reichlich Proviant bepackt hatte, brachte mich ein Shuttle Bus zum Ausgangspunkt der Wanderung am Mangatepopo Car Park auf fast 1100 m Höhe. Dort entluden unzählige Busse eine Schar von Touristen. Mir wurde gesagt, dass das Crossing in der Hauptreisezeit von bis zu 700 Wanderern pro Tag in Angriff genommen wird.
Der Bus hätte mich am Endpunkt der Wanderung um exakt 15:30 Uhr wieder abgeholt – vorausgesetzt ich schaffe die 19,4 Kilometer über Geröll, Lavagestein und Felsen in der vorgegebenen Zeit. Wer den Bus nicht erreicht, muss per Anhalter oder Taxi wieder zum Ausgangspunkt zurückfahren. Der Fahrer gab mir noch ein paar Zwischenzeiten, an die ich mich halten sollte, und so machte ich mich gegen 07:30 Uhr auf den Weg. Die Sonne hatte nun auch fast die letzten verbliebenen Wolkenfetzen vertrieben und mich erwartete ein traumhaftes Wetter mit Ausblicken in die Ferne.
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Der erste Abschnitt des Weges verläuft flach auf einem angelegten Holzweg und beginnt erst nach einem Kilometer steiler zu werden. Mir kam es sehr entgegen, dass das Profil im Gegensatz zu unseren anderen Tagestouren zunächst gemächlich verlief. So konnte man nach der kurzen Nacht den Kreislauf in Schwung bringen und den Tritt finden.
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Nach ungefähr einer Stunde erreichte ich die „Soda Springs“ und sah, dass ich gut in der Zeit lag. Ich stärkte mich mit etwas Obst bevor ich die steilste Passage der Wanderung in Angriff nahm. Der Devil’s Staircase – 1.000 Stufen auf Lavasteinen und Holztreppen steil bergauf – brachte mich nicht nur sehr zum Schwitzen, sondern forderte auch meine ganze Konzentration, um keinen falschen Schritt zu machen. Bei einem Blick zurück konnte ich in die endlose Weite der wunderschönen Landschaft blicken und machte am Horizont den 150 km entfernten Mount Taranaki aus, dem ich zwei Tage zuvor einen Besuch abgestattet hatte.
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Nach 250 steilen Höhenmetern am South Crater angekommen folgte wieder ein flaches Stück. Ich durchlief die Ebene des Kraters und blickte auf das karge Vulkangestein, das uns umgab, und den rötlichen Gipfel des Vulkan Ngauruhoe.
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Danach lief ich an einem Grat entlang zum höchsten Punkt der Wanderung – dem 1886 m hohen und immer noch aktiven Red Crater. Der Wind blies nun heftig und so mancher Wanderer musste auf allen Vieren kriechen, um den Halt nicht zu verlieren. Nachdem ich  die letzten Meter geschafft hatte, wurde ich mit einem unfassbaren Ausblick belohnt. Hinter mir ragten die Vulkane Tongariro und Ngauruhoe empor, vor mir lagen die Emerald Lakes, etwas weiter entfernt der Blue Lake und rundherum eine beeindruckende Vulkanlandschaft oberhalb der Wolkendecke.

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Bis zu Emerald Lakes mit ihren schwefeligen Uferrändern fällt die Strecke steil bergab. Der Weg führte über loses Geröll und bei jedem Schritt rutsche man etwas tiefer ab – ein 20-minütiger Balanceakt.
Ich lag gut in der Zeit, gönnte mir aber trotzdem nur eine kurze Rast. Es lagen noch 11 Kilometer vor mir und ich wollte den Bus nicht verpassen.


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Nach dem Blue Lake ging es über felsiges Gestein nochmals kurz bergauf, bevor sich der Weg serpentinenartig hinunter ins Tal windet. In der Ferne spiegelt sich der riesige Vulkansee Lake Taupo im Sonnenlicht.
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Die letzten Kilometer zogen sich durch Regenwald etwas hin, doch ich schleppte meine müden Beine bis zum Ketahiti Car Park, dem Endpunkt unserer Reise. Ich kam fast eine Stunde vor Ablauf der Zeit an und wartete zusammen mit anderen Wandereren auf den Bus.

Das Tongariro Alpine Crossing war ein Highlight meiner Neuseelandreise, das ich definitiv weiterempfehlen kann. Der Weg ist vor allem an den steilen und unwegsamen Stellen sehr herausfordernd, aber aufgrund der tollen Aussicht und der unglaublichen Landschaft ein absolutes Muss.